Systemik - Generationen und Übertragungen

Die systemische Therapie oder auch systemische Familientherapie wurde in den 1950er Jahren in den USA entwickelt und kam in den 1970ern nach Europa. Es gibt verschiedene Ausprägungen und Entwicklungen der ‚Systemik‘. Die Grundannahme bleibt jedoch immer gleich:  Der Mensch wird immer als Teil des Ganzen gesehen, als Teil eines Systems in dem es Verbindungen, Wechselbeziehungen, Zusammenhänge und Abhängigkeiten gibt. Anwendung findet dieser Zugang neben der Familie auch in Firmen wo man sich mit dem Teams, Hierarchien und Organisationen beschäftigt.


Generationen & Übertragung

Familien sind mehr als Vater, Mutter & Kind. Familien sind generationenalte, gewachsene Systeme mit eigenen Gesetzen, Erwartungen und Verpflichtungen. In diese uralten Geschichten, Konflikte und Verletzungen werden wir hineingeboren

Die Übertragung findet auf verschiedenen Ebenen statt:

  • Das genetische Erbe
  • Das Verhalten
  • Die Bindung
  • Erzählte und auch verschwiegene Geschichten

Durch Beobachtung und Nachahmung unserer Eltern lernen wir, wie Beziehungen funktionieren, wie mit Konflikten umgegangen wird, welche Rollenverteilung es gibt und welche Regeln angemessen sind. 

In Familien, in denen schon Väter und Großväter im Krieg gefallen oder sehr früh verstorben sind, ist immer wieder zu sehen, dass die Töchter und Enkelinnen von sehr heftigen Trennungen betroffen sind, als ob sich auch diese Männer entziehen. Es hat den Anschein, dass das Leben der Mütter und Großmütter auf diese Art und Weise übernommen wird und auch diese Frauen ‚Alleinversorgerinnen‘ für ihre Kinder sein müssen. 


Bindung

 

Die Bindung an die Familie kann sich im persönlichen Handeln, zum Beispiel in der Berufs- und auch Partnerwahl, zeigen. Man spricht hier auch von ‚unausgesprochenen Sippenregeln‘.

Wenn eine Person aus der Familiensippe einen anderen Weg geht, kommt es manchmal zu Unruhe und Schuldgefühlen, entweder im beruflichen oder privatem Bereich. Das äußert sich oftmals im Gefühl ‚Das Glück nicht verdient zu haben‘ und kann darauf hindeuten, dass sich ein Teil 'schuldig' fühlt, weil durch die eigenen Entscheidungen vermeintlich Unruhe und Disharmonie in das Familiensystem gebracht werden. 


Ordnung

In dem 'System' Familie ist die natürliche Ordnung durch die Zeit begründet, dadurch ob jemand früher oder später kam. Das Gleiche gilt auch für Beziehungen: Die Paarbeziehung war da, bevor man Eltern wurde. Somit hat die Beziehung als Paar, Vorrang vor der Elternschaft. Wenn das Paar miteinander in einem guten Kontakt steht und auf sich achtet, eine gute Beziehung führt, klappt es auch mit dem Elternsein besser. 

Der Psychotherapeut Bert Hellinger spricht von einem sogenannten ‚Rang des Intimen‘ und meint damit, dass alles was in die Paarbeziehung gehört, niemanden ausser das Paar etwas angeht. Das gilt auch bei Trennungen & Scheidungen - die Gründe für diesen Schritt liegen beim Paar und damit in der Paaarbeziehung und gehen das Kind nichts an. Für das Kind zählt: Wir sind als Paar getrennt, bleiben aber deine/eure Eltern


Geben und Nehmen

Manche Menschen sind der Meinung, man müsse ‚selbstlos und bedingungslos’ lieben und wer einem anderen Menschen etwas gibt, soll völlig frei davon sein, sich etwas zurück zu erwarten. Solche Vorstellungen sind jedoch wirklichkeitsfremd bei einer Paarbeziehung oder Freundschaft. 

Denn diese 'selbstlose und bedingungslose' Liebe gibt es nur zwischen Eltern und deren Kinder.

Es gibt Beziehungen, in denen der eine Partner mehr investiert als der andere und es dadurch zu Spannungen kommt. In einer gesunden Partnerschaft kommt es immer wieder zum Ausgleich und der Partner, der genommen hat gibt dem Partner, der gegeben hat ein bisschen mehr zurück. Daraufhin gibt dieser wieder etwas mehr zurück und so weiter, sodass die Partnerschaft wachsen kann.


Geheimnisse

Jeder Mensch und jede Familie hat seine kleinen und großen Geheimnisse. Es gibt Geheimnisse, die eine gesunde und wichtige Grenze zwischen den Generationen herstellen. Wie zum Beispiel, dass das Kind der Trennungsgrund der Eltern nichts angeht

Der internationale Wissenschaftler Dan Bar-On, Psychologe und Therapeut, der sich sein Leben lang mit Studien über Täter- und Opferfamilien beschäftigte, sagte sogar, dass Geheimnisse stärker in das Leben hinein wirken, als erzählte Geschichten

 

Auf faszinierende weise tauchen diese Geheimnisse oft zu ähnlichen Zeitpunkten wieder auf, in einer ähnlichen Phase des Lebenszyklus, in einem ähnlichem Alter oder sogar an gleichen Jahrestagen. Ein Beispiel aus dem spanischen KönigshausOstersonntag 2012 schießt sich der 13 jährige Felipe in den Fuß. Er ist der Enkel das spanischen Königs Juan Carlos. 56 Jahre zuvor, Ostern 1956 gab es schon einmal einen Schießunfall in der spanischen Königsfamilie mit zwei Minderjährigen: Juan Carlos und sein 14 jähriger Bruder Alfonso. Alfonso wurde von einer Kugel in die Stirn getroffen und verstarb. Die Umstände wurden nie geklärt, eine öffentliche Untersuchung fand nicht statt und die Waffe wurde Gerüchten zufolge vom Vater im Meer versenkt. Juan Carlos ist wohl der einzige, der weiß was damals passiert ist. Tatsache ist, dass es jeweils zu Ostern einen Schießunfall in der spanischen Königsfamilie kam und der Unfall mit dem 13 jährigen Felipe an den Unfall seines verstorbenen Großonkels erinnert. Auch hier scheint ein altes gehütetes Familiengeheimnis mehrere Generationen später ans Tageslicht zu drängen. 



"Wenn dem Wissen ein Verstehen folgt und die eigenen erlebten Gefühle dem Familiensystem zugeordnet werden können, zeigt sich der Weg für das eigene Leben."


Wenn du verstehen möchtest, was dich geprägt hat, was dich leitet oder beschwert, dich bindet oder lenkt, dann betrachte deine Familiengeschichte mit allen Wahrheiten, Mythen und Geheimnissen. Suche die schwarzen Schafe und Helden der Familie. Sei mutig und neugierig und hinterfrage die Geschichten und Erzählungen. 

 

In der psychologischen Beratung erstellst du ein großes Bild deiner Familie. Zu jeder Person werden Daten und Informationen eingetragen. So ergibt sich langsam ein großes Ganzes deiner Familie mit sichtbaren Wiederholungen, Muster, Glaubenssätzen, Konflikten und allem was dazugehört. Die jeweiligen Geschehnisse werden auch im zeitlichen Kontext betrachtet: Was hat es geheissen im Weltkrieg aufzuwachsen oder in der Nachkriegszeit? Was bedeutete es das Land wieder aufzubauen und Kinder groß zu ziehen? Männer kamen anders vom Krieg zurück als sie weg gingen und auch die Frauen waren durch den Krieg nicht mehr dieselben.  

 

An der Vergangenheit kannst du nichts mehr ändern, aber an deiner Gegenwart und damit an deiner Zukunft. Du kannst dich entschließen Stück für Stück aufzuräumen in deinen familiären Übertragungen und dich dadurch bewusst für das Leben, so wie es ist, entscheiden. Durch das Anschauen und Beleuchten von alten Tabus und Geheimnissen, verlieren diese an Macht und verlieren auch den Schrecken.

 

Durch das Fühlen, Benennen und Anerkennen deiner Familiengeschichte, können alte Wunden heilen und damit dein Weg frei werden für eine Annäherung oder Versöhnung mit dem eigenen Leben.